(1978 – 2012)

Israel Keyes ist vermutlich einer der beängstigenden Namen, die du noch nie zuvor gehört hast.
Israel Keyes lebte in New York und könnte eigentlich dein Nachbar von nebenan: Er hatte schon seit langem eine Freundin und mit ihr zusammen auch einen kleine Tochter. Er war der Familienvater, der gerne im Garten grillte und die Nachbarn auf ein Bier einlud. Doch diese Seite war nicht die einzige: auf der anderen war er nämlich ein brutaler Serienmörder. Zwischen 1997 und 2012 tötete er mehrere Leute, bekannt sind 8 Fälle, doch die Polizei vermutet, dass die Zahl um einiges höher ist, dass er sogar zu den gefährlichsten und brutalsten Serienmörder der USA gehört. Bis 2012 war er der Polizei komplett unbekannt und wurde nicht einmal in Erwägung gezogen, mit vermissten Menschen in Verbindung zu stehen. Doch wie wurde er denn nun gefasst?
Alles begann – eher endete – am 1. Februar 2012. Israel Keyes hat ein neues Opfer gewählt: Samantha Koenig (18). Oder, besser gesagt, einen Ort: ihre Arbeitsstelle. Ein Truck, in dem Kaffee, Süßigkeiten etc. verkauft wurden und einfach am längsten in der Umgebung abends geöffnet hatte. Dort verschwand sie. Dort wurde sie zuletzt lebendig gesehen.
Ihr Verschwinden wird von ihrem Freund bemerkt, der sie von der Arbeit abholen will. Doch er findet keine Samantha. Nirgends. Er denkt sich noch nicht viel zu diesem Zeitpunkt, aber als er plötzlich eine Nachricht mit den Worten hey, I’m spending a couple of days with friends, let my dad know von ihrer Nummer erhält, ist er alarmiert: Er war nun schon über 9 Monate mit seiner Freundin zusammen, und so eine Aktion ist nun gar nicht ihre Art. Er fährt also zu ihrem Vater, der wiederum die Polizei einschaltet und seine Tochter als vermisst meldet.
Die Polizei checkt zu aller erst die Überwachungskameras im Truck. Auf der ist zu sehen, dass Samantha bei der Überreichung eines Kaffees an einen Kunden plötzlich erschrickt und beide Hände in die Luft hält. Ganz langsam bewegt sie sich zu den Lichtschaltern und macht alles dunkel. Dann nimmt sie Geld aus der Kasse und gibt es dem Mann, der eine Skimaske trägt, welcher kurz darauf durch das Theken-Fenster durchkriecht und mit ihr durch die Tür hinausgeht. Danach bewegen sich die beiden außerhalb der Sicht der Überwachungskameras.
Lange Zeit passiert nichts. Die Polizei hat keinerlei Hinweise. Keinerlei Zeugen. Keinerlei Indize auf den Täter. Oder auf den aktuellen Ort, an dem sich Sam befindet.
Eine schreckliche Zeit für ihren Vater und ihren Freund. Doch leider wird sie auch nicht besser.
Über zwei Wochen nach dem Überfall erhält Samanthas Freund endlich eine Nachricht von ihrer Nummer, die sagt, dass sie zu einem nahegelegenen Park kommen sollen. Niemand weiß, was sie dort erwartet. Niemand weiß, was dort geschehen wird. Ob Samantha dort sein wird. Der Entführer. Oder nichts.
Keiner der drei oben genannten Fälle wird war. Als die Polizei am besagten Ort ankommt, finden sie lediglich einen Rucksack mit einer Notiz und einem Bild im Inneren. Der Entführer will Geld. $ 30.000, — sofort auf Samanthas Bankkonto. Und als Beweis, dass Samantha noch lebt, ist auf dem Bild die junge Frau mit einer Zeitung desselben Tages zu sehen. In einem Keller. Gefesselt. Blutend. Rasches Handeln ist nun gefragt: Nachdem die Polizei mit der Bank eine sofortige Benachrichtigung bei einer Geldabhebung ausgemacht hat, überweist sie das Geld und das Warten beginnt.
Es verstreichen wieder mehrere Tage. Nichts passiert. Bis plötzlich drei Abbuchungen innerhalb von drei Tagen in Alaska gemeldet werden. Am 07. März eine in Arizona. Danach in Texas. Und so weiter in den Südwesten der USA.

Natürlich schaut die Polizei nun wieder die Überwachungskameras der jeweiligen Bankomaten an. Und eines ist auf jedem der Videos gleich: Ein weißer Ford. Nun haben sie eine Spur. Polizisten im ganzen Landen suchen nun dieses Fahrzeug. Zum Glück.
Ein Polizist ist gerade auf Streife unterwegs. Und er entdeckt genau diesen weißen Ford, welchem er folgt und nach einer Weile anhält. Im Inneren sitzt ein junger Mann, Mitte 20 bis Anfang 30. Auf die Frage nach der Zulassung und dem Führerschein, überreicht er dem Polizist die Dokumente. Ganz normal. Nicht auffällig. Dennoch macht der Polizist eine Autodurchsuchung. Und er findet erschreckendes. Eine Pistole. Kleidung. Samanthas Handy. Ihre Kreditkarte. Aber keine Samantha. Er weiß nun: Das ist ihr Mann. Mit dem Namen Israel Keyes. Welcher sofort festgenommen wird.
Bei der Befragung wirkt Israel ganz entspannt. Doch den Beamten wird sofort klar: Dieser Mann hat zwei Persönlichkeiten. Wie er sagt, niemand, der ihn kennt, würde ihn wirklich kennen. Er offenbart der Polizei, dass sein Opfer schon fast die ganze Zeit seit dem Übergriff tot war. Er brachte sie von dem Kaffee-Stand zu ihm nach Hause in einen Stadel neben seinem Haus. Im Winter. Er erzählte ihr, dass es ihm nur um Geld ginge, was sie ruhig hielt. Was jedoch nie seine Absicht war. Zumindest nicht seine einzige. Er wollte töten. Er hatte den Drang zu töten.
Nachdem er sie in den besagten Stadel gebracht hat, verlangt er ihr Handy und ihre Bankomatkarte. Nur blöderweise hat Samantha keines der beiden Dinge bei sich. Das Smartphone liegt noch im Coffee-Truck und die Bankomatkarte befindet sich im Auto ihres Freundes. Israel lässt sich davon aber nicht seinen ganzen Plan zerstören, also fährt er kurzerhand zum Ort des Übergriffs und holt das Handy, sein nächstes Ziel ist das Haus des Freundes, dessen Auto vor der Einfahrt steht. Der Verbrecher holt sich also die Karte aus dem Auto, doch dabei wird er vom besagten Freund überrascht, der jedoch zurück ins Haus läuft, um Hilfe zu holen. Als er wieder herauskommt, ist Israel schon weg. Verschwunden. So nah dran. Wie das Ganze wohl ausgegangen wäre, wenn der Freund Keyes geschnappt hätte? Das weiß wohl keiner. Doch ein Menschenleben wäre gesichert gewesen. Wäre, wäre…
Nach diesem riskanten, knappen Vorfall hat es Israel gereicht: Er fährt zurück zu sich nach Hause in den Stadel, misshandelt und vergewaltigt sein junges Opfer und brachte Samantha um. Danach geht er ganz normal in sein daneben gelegenes Haus, in dem sich während der ganzen Zeit übrigens seine Langzeitfreundin und seine junge Tochter aufhielten, vor denen er den ganz normalen Lebensgefährten und Vater spielte. Unfassbar. Dort packt er für eine Reise, die zwei Wochen andauern soll. Während dieser Zeit bleibt die Leiche im Stadel. Nach seiner Rückkehr – Samantha war mittlerweile gefroren von der Kälte und deshalb noch so gut erhalten – machte er das Foto, das er im Park hinterlässt, und benutzt Nadeln, um Samanthas Augen offen zu halten und sie so lebendig aussehen zu lassen. Danach zerstückelte er sie und warf sie an einem See ins Wasser. Bei der Befragung konnte er der Polizei den genauen Ort schildern, an dem sich die Körperteile befanden. Und genau dort waren sie auch noch.

Mit vielen Andeutungen machte er den Beamten auch klar, dass Samantha nicht sein erstes, sondern nur sein letztes Opfer gewesen war. Er gibt über die ganze Zeit im Gefängnis Hinweise auf mindestens acht andere Fälle. Das Schlimme ist, dass er, wenn er über die Morde und Vergewaltigungen sprach, keinerlei Gefühle zeigt. Null Emotionen. Er kannte seine Opfer auch nie. Er wählte einfach einen Ort nach Belieben aus und dort schlug er zu.
Was mich persönlich sehr verwunderte, war, dass er mit der Polizei eine Art Deal vereinbarte: Er würde mit ihnen kooperieren, ihnen alles erzählen, und im Gegenzug verlangt er, sofort nach seinem Urteil exekutiert zu werden. Außerdem sollen seine Vergehen nicht an die Öffentlichkeit kommen. Wegen seiner Tochter. Die solle nicht von dieser Persönlichkeit ihres Vaters mitbekommen.
Doch auch nach diesem Deal braucht er lange, lange Zeit, bis er über weitere Opfer spricht. Namen erwähnt er nie. Auch keine konkreten Taten oder Orte. Nur Hinweise. So wie er sagt, alle Opfer seien nur vermisste Personen mit keinerlei Verbindung zu ihm, genau so war es auch: Kein einziger offener Fall konnte ihm zugeschrieben werden.
Was auch auffällig ist: Seine sexuelle Orientierung war eigentlich – anscheinend – heterosexuell, dennoch vergewaltigte und misshandelte jedes seiner Opfer sexuell. Egal ob Mann oder Frau. Egal ob jung oder alt. Bei seinen Verbrechen zeigte er einfach keinerlei Gefühle. Keinerlei Emotionen.
Endlich erzählte er von einem konkreten Fall: Er deckte einen doppelten Vermisstenfall auf. Ein Ehepaar, Bill und Loraine, verschwanden plötzlich. Wie vom Boden verschluckt. Die Schwester des Ehemanns bemerkte, nachdem beide nicht zur Arbeit erschienen waren, ein zerbrochenes Fenster am Haus des Ehepaars. Keine Spur. Einfach verschwunden. Doch nun konnte die Angehörigen der Beiden endlich abschließen. Natürlich konnte Israel die Polizei auch zum Ort, an dem die Leichen waren, leiten, doch diese Scheune, in der er die beiden versteckt hatte, war in der Zwischenzeit abgerissen. Das Bauteam habe zwar einen starken Verwesungsgeruch wahrgenommen, es jedoch nicht für nötig gehalten, die Polizei zu alamieren.
Die Beamten waren so nah dran. So nah dran, Antworten zu bekommen. Offene Fälle zu lösen. Anderen Familien einen Abschluss geben.
Doch Israel Keyes hatte Anderes im Sinn: Am 2. Dezember 2012 wurde er in seiner Zelle gefunden. Tot. Die Hauptschlagader war durchschnitten. Er hinterließ nichts außer einem vierseitigen Abschiedsbrief, in dem er aber auch keine Antworten gab. Es war eher ein richtig gruseliges Gedicht. Welches nur noch mehr zeigte, wie krank dieser Serienmörder war.
Durch seine Reisen, bei denen er immer neue Opfer tötete oder nächste Morde vorbereitete, konnte die Polizei feststellen, dass seine Mordserie bereits im Jahr 1997 andauerte. Bis 2012. Wie viele Leute wegen Israel Keyes genau sterben mussten, wissen wir nicht. Und werden wir wohl auch nie erfahren. Doch was wir wissen: Er schlug überall in den USA zu und in mindestens fünf anderen Ländern.

Nun frage ich mich, wie viele Leute in Gefahr waren, als dieser Mann wieder einmal den Drang hatte, zu töten. Da er nur die Orte willkürlich auswählte, war jeder gefährdet. Wie viele entkamen so also nur knapp dem grausamen Tod? Wie so ein Psychopath tickt, werden wir wohl nie erfahren, doch immerhin haben wir einen Killer weniger auf der Welt. Auch wenn er alle Antworten mit in den Tod nahm. Doch wenigstens kann er keine weiteren unschuldigen Menschen dorthin schicken.
Quellen:
